Geschichte
Die Entwicklung der Gothic-Kultur
Wer einen Blick in die Gothic-Szene wirft, wird oberflächlich auf schwarze Kleidung, düstere und geschminkte Gesichter, melancholische Musik treffen. Doch hinter dem Begriff “Gothic” steht wesentlich mehr.
Gothic ist eine kulturelle Richtung, die sich hauptsächlich in den Achtzigern und Neunzigern gefestigt hat. Sie ging aus Bewegungen wie Punk und New Wave hervor. Bald bildete sich die Dark-Wave-Szene und die sogenannte “schwarze Szene”, deren Anhänger sich durch schwarze Kleidung und düstere Lebensansichten ausdrückten. Der Tod und die Vergänglichkeit bildeten eines der wichtigsten Interessen und Merkmale, aus deren Gedankentiefen sich die Selbstdarstellung eines Gothic-Anhänger prägt. Bis heute hat sich die Gothic-Szene allerdings in ihrem Erscheinungsbild stark verändert und offenbart vielfältige Varianten an Auftreten, Ansichten und Musikgeschmack.
Gothic ist in erster Linie die eigene Inszenierung, die Darstellung der Gedankentiefen, die von innen nach außen gekehrt werden und Ausdruck in Kleidung, Schminke, Musikrichtung und Auftreten finden. Gothic leitet sich von dem Wort “gotisch” ab, bedeutet “düster”, hat nichts mit der Epoche der Gotik zu tun, sondern wurde durch einen zunächst vorwiegend in England entstehenden Musikstil geprägt, der sich durch dunkle Stimmungsklänge auszeichnete und das Blut zum Gefrieren brachte. Bald breitete sich “Gothic” auch über die Grenzen Englands hinaus aus, fand Anhänger in Amerika, Deutschland und anderen Ländern. Gerade durch das Internet ist es mittlerweile einfacher, die Interessen und Musikgeschmäcker zu teilen. Plattformen wie “Youtube” oder “Myspace” waren dabei nicht unwichtig.
Ein Anhänger der Gothic-Szene ist keineswegs depressiv, eher introvertiert und unnahbar. Unter Gothic-Leuten geht es immer friedlich zu. Das Auftreten ist dabei auch eine Kritik an der Oberflächlichkeit gesellschaftlicher Moden und Normen, die mittels übertriebener Darstellung an Kleidung und Stil in Frage gestellt und in ihren Grundmauern gesprengt werden sollen. Ein Schrei gegen das Konservative, den Konsum, die Intoleranz, die sich gerade im Nichtverständnis für die Szene ausdrückt, muss notgedrungen als eine Demonstration gegen die Gesellschaft gelten und soll die Distanz auch offen zur Schau stellen.
Da die eigene Sichtweise nach außen gekehrt wird, gibt es kaum eine typische Lebenseinstellung oder Gleichheit unter den Gothic-Anhängern, die lediglich durch Missverständnis Beurteilungen wie “weltfremd, schwarz und depressiv” finden und damit in eine Schublade gesteckt werden. Gothic-Anhänger sind sehr individuell, haben verschiedene philosophische, politische oder religiöse Ansichten, teilen höchstens die Farbe oder den Musikgeschmack miteinander. Jeder ist bedacht darauf, dass Leben nach eigenen Erkenntnissen zu bestimmen.
Dass diese Form an Sinnsuche auch einen Rückzug von der Welt erfordert, zumindest, bis sich einige der Fragen geklärt haben, ist darum nicht verwunderlich. Einsamkeit ermöglicht Besinnung. Traurigkeit, Tod, Leid sind gleichberechtigte Attribute der Gedanken wie Frieden und das Leben an sich. All diese Dinge sind eng miteinander verknüpft und werden daher nicht verdrängt oder abgelehnt, wie es in der westlichen Gesellschaft häufig der Fall ist. Im Gegenteil wird sich mit diesen Themen ausführlich auseinandergesetzt, sowohl ironisch als auch im ernsten Sinne. Ebenso sind die Wiedergeburt, die Vergänglichkeit, der Sinn des Seins immer wieder Hinterfragungen, die sich der Gothic-Anhänger stellt.
Daher ist Gothic also keine Bewegung des Todes oder eine Welt düsterer Schatten. Mystik und Okkultismus sind weitere Interessen der Gothic-Kultur, gleichfalls vergangene Epochen und die daraus hervorgegangene Kunst und Literatur. Große Einflüsse waren hier die “Schwarze Romantik”, Schauerromane und Gothic-Novellen.
Friedhöfe waren in den Anfangszeiten gerne und häufig aufgesuchte Plätze des Zusammentreffens, werden aber mittlerweile auch gemieden und als zu alltäglich empfunden. Das Interesse an solchen Orten war nicht nur der Tod, sondern auch häufig die Bewunderung für alte Grabstätten.
Eine wesentliche Rolle in der Gothic-Szene spielt natürlich die Musik. Festivals, Partys, jährliche Treffen, Events, spezielle Läden und Clubs für “Gothic” bieten den Anhängern die Möglichkeit, über die Musik innere Gefühle auszuleben, wobei sowohl das Hören als auch Tanzen gelebt wird. Veranstaltungen wie das “Bizarre-Festival” oder das „M‘era Luna“ sind dabei auch Treffen von unterschiedlichen Szenen und Bewegungen. “Gothic” ermöglicht das Herauslassen von Wut, Trauer, Ängste, ist auch Fluchtmöglichkeit oder Verinnerlichen bestimmter geistiger oder emotionaler Zustände.
Gothic bildete sich aus “Gothic-Punk” und “Gothic-Rock”. “Cold- oder Dark-Wave”, “Post-Punk”, “Ethereal”, “Neoklassik” oder “Death-Rock” sind bevorzugte Musikrichtungen.
Getanzt wird zumeist für sich und alleine. Während der Entwicklung der Gothic-Kultur war “Pogo” verbreitet, ein Tanzstil, der der Punk-Szene entsprang. Gruftis prägten dann ihren ganz eigenen Stil und “Totengräbertanz”. Auch einfaches Stehen ist Tanz und wird von düsteren Klängen inspiriert, als ein Selbstversunkensein und In-sich-Hineinkriechen. Das Tanzen ist daher also nicht immer reine Bewegung, gleichfalls haben Melodie und Takt eine nebensächliche Bedeutung.
Ein weiteres Merkmal ist das aufwendige Styling, welches sowohl Ausdruck der inneren Einstellung als auch der Zugehörigkeit ist. Die zentrale Farbe ist natürlich Schwarz, da sie das Ernste, Nachdenkliche, Okkultische verkörpert. Daneben spielen auch Blau- und Lila-Töne, dunkles Bordeauxrot und Weiß eine wichtige, akzentuierende Rolle. Da Gothic dem Punk entspringt, ähnelt der Kleidungsstil dieser Bewegung. Löcher und Risse, Netzstrumpfhosen oder Rüschenhemden sind sehr beliebt, gleichfalls geht es auch aufwendiger und für die Kleidung wird Samt, Seide, Satin und Leder benutzt. Ferner sind die Frisuren ganz “Punk”, werden hochgekämmt, zum Irokesenschnitt gestaltet, aber auch rasiert, toupiert, aufwendig frisiert, mit viel Haarspray versehen und in verschiedenen Strähnen gefärbt. Hier drückt sich die Ablehnung gegen gesellschaftliche Richtlinien aus, das Hässliche wird hervorgekehrt und mit Glamour verbunden. Eine Kombination von Glanz, Eleganz, Hässlichkeit, Jugendstil, Rokoko, Zerstörung und Verfall bildet häufig einen Effekt des Edlen mit einem bewussten Schimmer des Todes und grenzt sich damit vom eigentlichen Erscheinungsbild der Punk-Richtung ab. Zudem werden, um Leichenblässe oder Porzellan zu imitieren, die Gesichter häufig sehr blass geschminkt und mit dunklen Akzentuierungen um die Augen hervorgehoben.
Die Gothic-Szene lässt sich in verschiedene Typen einteilen. Es gibt den Batcaver, den Grufti, Schwarz- oder Endzeitromantiker. Diese unterscheiden sich dann nach Musikgeschmack und Kleidung. Bezeichnend für Gothic ist auch das Alter der Anhänger. Gothic wird nicht nur in der Jugend gelebt, sondern ist eine Grundlebenseinstellung und wird auch häufig noch in reiferen Jahren beibehalten.
Gothic hat wenig mit Religion zu tun. Natürlich ist das Interesse an religiösen Richtungen vorhanden, dennoch bedarf es keines Glaubens, um “Gothic” zu sein. Ganz im Gegenteil gibt es etliche Atheisten, die die Kirche und Entwicklung religiöser Richtungen ablehnen und für verfehlt halten. Vielmehr wird der Ursprung der Religionen hinterfragt: Was ist Glaube? Woran kann man glauben? Woraus ist der Glaube entstanden? Wie drückt er sich aus?
Satanismus ist in der Gothic-Szene eher unbeliebt, die meisten Anhänger distanzieren sich davon, da sie ein anderes Lebensgefühl verkörpern. Durch die schwarz düstere Bekleidung kommt allerdings häufig das Vorurteil auf, Gothic-Leute wären Satanisten. Natürlich gibt es seit den Achtzigern in der Grufti-Szene Menschen, die sich mit dem Thema beschäftigen, allerdings geht es hier eher um Nihilismus und Tod.
Auch Schmuck und Symbole haben in der Gothic-Szene ihren Platz. Okkulte Zeichen wie das Pentagramm werden besonders gerne gegen die Vorurteile vermehrt zur Provokation getragen. Schmuck aus Silber oder Titan, Piercings, Ketten, die auch quer über das Gesicht reichen, vom Ohr zum Mund, sind ebenfalls Ausdruck von Gothic.
Der Begriff Gothic soll vielen Meinungen nach aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstammen. Dort brachte man ihn mit den s.g. „Gothic – Novells“ in Verbindung, die dem ein oder anderen vielleicht auch eher als „Schauer – Romane“ bekannt sein dürften. Diese fanden ihre Schauplätze oftmals auf Friedhöfen mit ihren dunklen und kalten Gruften, oder aber auf sagenumwobenen Spukschlössern, die sich allesamt großer Beliebtheit bei ihren Lesern erfreuen durften.
In den frühen 1970er Jahren datierte die „Punkszene“ in ihrer Entstehung und soll sich von den britischen Inseln schnell über weite Teile Westeuropas ausgebreitet haben. Anhänger dieser Szene waren bereits damals dem Konsum vom Alkohol und Tabak nicht abgeneigte, jedoch meist friedliche, aber eben auch zumeist arbeitsunwillige Jugendliche, die gegen den Staat in Form eines martialischen Kleidungs -und Verhaltensstil ihren Unmut kund taten. Beispielgebend waren neben ihrem äußeren Erscheinungsbild und dem speziellen Kleidungsstil auch Haustiere wie Hunde oder Ratten. Letztere wurden vom Rest der Gesellschaft als abstoßend empfunden. In der Findungsphase ihrer eigenen Identität fristete die Szene einige Zeit bis ca. Mitte der 80er Jahre ihr Dasein und lies sich dann vom Kommerz erobern.
Aus der „Punk-Szene“ und der artverwandten „New-Wave-Szene“ entstand dann in den anfänglichen Jahren der 80er die europaweite „Gothic – Szene“, die auch gerne als musikkulturelle Jugendszene beschrieben wird. Musikalische Vertreter waren „Bauhaus“, „Siouxie & The Banshees“, „Joy Division“ und etwas später „Sisters of Mercy“ und „The Cure“.
Unterschiedliche Meinungen gibt es über den genauen Entstehungsort der Szene. Einigen sind der Meinung die Entstehung und Verbreitung nahm von England aus ihre ersten Schritte, neben den Staaten, in hauptsächlich andere europäische Länder, andere sind jedoch der Meinung es hätten sich gleichzeitig Parallelszenen entwickelt. Unbestritten ist jedoch, dass England schnell als Dreh –und Angelpunkt bezüglich Musik und Mode avancierte und es dort zu starkem internationalen Austausch der Szene kam. In Deutschland werden Fans dieser Szene eben aufgrund ihres speziellen Erscheinungsbildes liebevoll als „Grufties“ tituliert, wobei man jedoch erwähnen sollte, dass die Szene zumeist sehr genau auf ihr gepflegtes äußeres acht gibt. Die Anhänger der „Gothic – Szene“ sind meist friedliche und äußerst sensible Menschen, die aus einem intakten Elternhaus kommen.
Abschließend kann gesagt werden, dass ab dem Zeitpunkt seiner Entstehung die „Gothic – Szene“ vielen Höhen und Tiefen, sowie viele positive, aber auch negative Veränderungen in ihrem Dasein erleben musste, die beispielsweise in den Jahren 1996 – 1999 erst als ihr Kultureller Niedergang beschrieben wurde, jedoch in den Jahren 2000 – 2008 wieder ihr Revival feierte. Somit wird die Transformation der Szene wohl weiterhin fester Bestandteil bleiben, die -der Szene an sich- jedoch, ihr Dasein für einige weitere Zeit sichern wird.

